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In ihrer Rede im EU-Parlament am 8. Juli 2020 nannte die Bundeskanzlerin fünf Schwerpunkte der bevorstehenden Deutschen Ratspräsidentschaft. Dabei steht der „Digitale Wandel“ prominent auf der Agenda, denn, die Corona-Pandemie habe laut Merkel aufgezeigt, dass Europa diesbezüglich in einer starken Abhängigkeit von Drittstaaten steht. Keine Sorge, wir schreiben heute nicht über die Rede der Kanzlerin in Brüssel; aber wir widmen uns der Frage, wie zukünftige Digitalisierungsbestrebungen gerade in den Bereichen Kunst und Kultur durchgeführt werden können, ohne die patriarchalen und eurozentristischen Ordnungs- und Wertstrukturen der analogen Sphäre übergangslos mit zu reproduzieren.

Wie wir auch schon in unseren letzten beiden Texten betont haben, wäre es naiv, davon auszugehen, dass das Internet gegen bestehende Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft immun sei. Gerade die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz, die auf die Berechnung von Wahrscheinlichkeiten ausgelegt ist und dabei auf ungeheure digitale Datenmengen zurückgreift, macht dies deutlich. So hat eine Studie des internationalen Forschungsverbundes „Gendered innovations“ gezeigt, dass es bei der automatisierten Übersetzung durch Google Translate einen „male default“ gibt: der Algorithmus greift für seine Übersetzungen auf Texte zurück, die bereits online verfügbar sind, etwa auf Google Books. So können hunderte Jahre literarische Produktion ausgewertet werden, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Der Haken liegt dabei in der Tatsache, dass etwa im Englischen seit 1900 das Pronomen „he“ um ein Vielfaches öfter verwendet wurde, als „she“. Da der Algorithmus nur Wahrscheinlichkeiten berechnet, kommt es zu Übersetzungsfehlern – das generische Maskulinum setzt sich durch und damit die ständige Reproduktion des unmarkierten, normativen, eben männlichen Subjekts.

Ähnliche Probleme werden sich ergeben, wenn Sammlungen und Archive oder auch Ausstellungen, weiterhin im großen Stil digitalisiert werden. Somit lohnt es sich, einen Blick auf Strategien zu lenken, die patriarchalen Automatismen der Geschichts- und Gegenwartsschreibung entgegenarbeiten. Jenna C. Ashton, Lehrende der Heritage Studies an der Manchester University und Gründerin sowie Creative Director des Digital Women’s Archive North (DWAN), hielt 2016 bei der “Discovering Collections, Discovering Communities Conference” einen Vortrag mit dem Titel “Feminist Archiving, Digital Curation & Grassroots Cyberfeminism“ und zeigt an diesem Beispiel einige Handlungsmöglichkeiten auf. DWAN liegt das Manifesto for Feminist Archiving (or disruption) zu Grunde, das drei Methoden des feministischen (analogen wie digitalen) Archivierens festhält:

"Intervention: a process of generating new practices and approaches for intervention with existing archival material. Intervention methods are specifically concerned with creative access and interpretation. Living: approaches of specifically connecting archive material with contemporary political and activist contexts. The Living archive is one played out through the body – and particularly concerned with individual engagement and voice. Reimagined: a reuse and recycling of the archive material to create new archival forms. The Reimagined is concerned with creating new processes and archival structures."

DWAN begreift die Archivarin nicht länger als singulären Gatekeeper und Agentin des objektiven Inventars, sondern als Geschichtenerzählerin, die zur Partizipation der Archiv-Nutzer٭innen und Forscher٭innen, zur Aktivierung des Materials einlädt. Archive schreiben Geschichte und erzählen zugleich von der Geschichtsschreibung selbst, sie speichern nicht nur Wissen und Information, sie verleihen historische Legitimation. Genau dadurch wird, so Ashton, das analoge wie digitale Archivieren auch zu einer potenziell aktivistischen Praxis. Grundlegend für das Verständnis des aktivistischen und politischen Potenzials des Archivierens ist es, Daten, Fakten, Texte, Bilder, Informationen sowie ihre Sammlung, Ordnung und Klassifizierung nicht als „objektiv“, „neutral“ oder „allgemeingültig“ zu verstehen, sondern eben als Prozesse und Agenten spezifischer Geschichts- und Gegenwartsbeschreibungen.

Diese maßgebliche Funktion des Archivs eignen sich Projekte wie DWAN selbstbestimmt an – und schreiben mit ihrer Auswahl an Material, ihrer Interpretation der Metadaten und ihrer kollektiven Praxis des Sammelns neue Geschichte. Das feministische Archiv bietet nicht nur Wissen und Expertise zu früheren Kämpfen, Formulierungen und Erfahrungen – und damit einen Werkzeugkoffer für zeitgenössische Aktivist٭innen – das feministische Archivieren selbst wird zu einer performativen Strategie der selbstermächtigten Autor٭innenschaft, die sich in weitere Diskurse und Debatten der Raum-, Zeit-, Wissen-, und Machtumverteilung übertragen lässt.

DWAN’s feminist archiving facilitates opportunities for women to take ownership of archival processes, and direct how content evolves, space is negotiated, time is perceived, and heritage is performed." (Ashton 2017, S. 128)

Das spezifische Potenzial des digitalen feministischen Archivs als Methode des Grassroots Cyberfeminism sieht Ashton in den Modi „connect, collaborate and communicate“; noch einfacher als in physischen Archiven (in denen, das beweist die Geschichte feministischer Archive, sehr wohl auch Formen der Kollaboration, der Vielstimmigkeit und Subversion erprobt werden können), gelingt es im Digitalen, ein globales und diverses Sprechen über und Sammeln von Material zu fördern. Dies funktioniert allerdings auch nur, wenn mehr unternommen wird, als schichtweg einfach das zu digitalisieren, was Archive bereits tun und besitzen. "The role of the digital space in archiving is to think beyond preservation and provision of digital documentation, towards different models for connecting people with archives. I also argue that we need to take yet another step beyond this; the digital isn’t just about connecting people with archives, but for generating new spaces, networks and forms of evidencing that support feminist agendas for social justice. Digital feminist archiving is therefore a call to action and participation beyond existing processes within current digital heritage practice." (Ashton 2017, S. 144-145)

Auch im Bereich des Archivierens wird es also in erster Linie darum gehen, die spezifischen Potenziale des virtuellen Raums kennenzulernen, zu erproben und zu embracen. Doch dafür muss erst einmal anerkannt werden, dass das Internet eben nach seinem eigenen Set an Regeln funktioniert, die selbst diejenigen, die es entwickelt haben und bedienen nicht wirklich verstehen. Die Box der Pandora ist geöffnet und jetzt müssen wir lernen, damit umzugehen.

2013 wurde Merkel mit ihrer Aussage „Das Internet ist für uns alle Neuland“ international zur Lachnummer und spätestens jetzt, sieben Jahre später, können wir getrost sagen: sie hatte sowas von recht. Viel zu oft, und das wurde insbesondere in den ersten Wochen der Pandemie deutlich, neigen Kulturinstitutionen dazu, (vor)schnell zu reagieren und wild drauf los zu digitalisieren. Dies beobachtete die Kunsthistorikerin Anita Hosseini auf dem Blog des Forschungsverbundes Bilderfahrzeuge: „[Es] findet bisweilen eine eins-zu-eins Übersetzung analoger Ausstellungen ins Digitale statt. Alle Kulturstätten folgen dem Diktum, so schnell wie möglich zu liefern und vergessen dabei, dass ein Abfilmen analoger Museumsbesuche und Kuratorenführungen genauso wenig ein Ersatz für die tatsächliche Ausstellungs- und Kunsterfahrung sein können wie Fotografien von Raumansichten und digitalisierte Abbildungen von Kunstwerken.“

Dem können wir nur beipflichten und hoffen, dass die in Aussicht stehenden EU-Fördergelder Herangehensweisen an digitales Archivieren und Ausstellen von Kunst und Kultur hervorbringen, die nicht nur kuratorisch innovativ sind (mögliche Strategien stellte Michael Connor im Mai bereits auf rhizome.org vor), sondern es sich auch aktiv zur Aufgabe stellen, lineare und binäre Kultur- und Geschichtserzählungen durch partizipative und kollektive Methoden zu stören: „This can only be achieved (...) if its practice is open to disruption, loose ends, stories-so-far, gossip, notes in the margins, and the feminist cackle.“ (Ashton 2017, S. 47)

Jenna Ashton (2017) Feminist Archiving [a manifesto continued]: Skilling for Activism and Organising, Australian Feminist Studies, 32:91-92, 126-149, DOI: 10.1080/08164649.2017.1357010

https://rhizome.hfbk.net/p/265963


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