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Die Tresen-Kolumne: Tot sein ist Mist.

Tot sein ist Mist. Ich sitze jetzt schon seit geraumer Zeit in einem Kellerraum der Hochschule und reinige alte Fotografien. Dann schreibe ich auf, was man auf dem Bild wohl sieht und was es noch so zu sagen gibt. „Stark eingerissen rechts oben“ schreibe ich zum Beispiel. Dann mache ich ein Foto vom Foto und lege es so ab, dass es leicht zu finden ist, wenn jemand „Stark eingerissen rechts oben“ sucht. Die Bilder könnt ihr euch eh alle in absehbarer Zukunft selber anschauen. Die Menschen auf den Bildern sind alle tot. Daran besteht kein Zweifel, wirklich gar kein Zweifel. Eine Aufnahme aus Neubrandenburg von 1903: Kinder sitzen auf einem Brunnen, Menschen bauen einen Marktstand auf oder ab. Ein Mann mit Hut und Bart hat sich im Zentrum des Bildes in Pose gesetzt, die Tasche des Fotografierenden steht neben seinem linken Bein, vielleicht der Assistent. Der Posierende ist vielleicht 23, die Kinder vielleicht sechs und acht. Mit seinem Bart könnte der Mann heute auch auf einem Rennrad ins Betahaus fahren, da hat er einen Tisch gebucht von 11­19:30 Uhr, vier Tage die Woche. Wahrscheinlich gab es kein Betahaus in Neubrandenburg im Jahre 1903. Elf Jahre später geht der Erste Weltkrieg los. Die Wahrscheinlichkeit, dass er da gestorben ist, ist relativ hoch. Falls nicht, könnte er 1945 mit 64 als Teil einer Volkssturmeinheit irgendwo verloren gegangen sein. Vielleicht ist er auch im stolzen Alter von 95 im Jahr 1976 im Kreis seiner Freund_innen gestorben, vielleicht am 17. Juli. Den Abend davor hat er noch die Aufnahme Surinames in die UN gefeiert. Es gab vielleicht Toast Hawaii und Schichtsalat und zu trinken Muskateller Wein, Spätlese. Vielleicht ist er ja auch 108 geworden. Helmut Kohl, damals noch Bundeskanzler, hätte ihm dann vielleicht ein Glückwunschschreiben zukommen lassen. Also natürlich nicht er persönlich, aber das Kanzleramt, Presseabteilung, gestempelt und nicht unterschrieben - gilt trotzdem –, für besondere Leistungen für die Bundesrepublik. Die besondere Leistung wäre da dann gewesen, 108 Jahre lang nicht zu sterben. Ok. Aber bis heute wird er es nicht geschafft haben. Jeden Tag blicken mich die Toten an, aus der pittoresken deutschen Fachwerkwelt. Der Tod ist ihnen nicht gewahr. Sie müssen einen Marktstand aufbauen oder ein Boot an Land ziehen oder vor einer Kirche rumstehen. Sie wissen nicht, dass gerade ein Zeitreisender zu ihnen auf die Straße schaut und in ihrem Präsens nur die Toten sieht. Die Bilder vom Urlaub letztes Jahr: Irgendwann sieht sie jemand, die es jetzt nicht gibt. Sie schaut sich dann den Ordner „Bilder 2018“ an und schreibt auf: „Ort unbekannt, vmtl. Südeuropa“ und denkt sich: „Lustig, mit der Frisur könnte der Typ heute auch eins von diesen bescheuerten Hologrammen sein, die es im Osten von Neu-Hamburg zu traden gibt.“ Sie lacht und beamt sich nach Hause.

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Digitale Lehre an der HFBK

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Kunst studieren – und was kommt danach? Die Klischeebilder halten sich standhaft: Wer Kunst studiert hat, wird entweder Taxifahrer, arbeitet in einer Bar oder heiratet reich. Aber wirklich von der Kunst leben könnten nur die wenigsten – erst Recht in Zeiten globaler Krisen. Die HFBK Hamburg wollte es genauer wissen und hat bei der Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg eine breit angelegte Befragung ihrer Absolventinnen und Absolventen der letzten 15 Jahre in Auftrag gegeben.

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Zur Jahresausstellung der HFBK Hamburg präsentieren rund 800 Studierende drei Tage lang ein breites Spektrum künstlerischer Arbeiten: von Film und Fotografie über Performance, Skulptur und Malerei bis hin zu Raum- und Soundinstallationen sowie Designentwürfen. Besucherinnen und Besucher sind herzlich eingeladen, sich ein Bild von den aktuellen Produktionen der Hochschule.

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Social Design, so der oft formulierte eigene Anspruch, will gesellschaftliche Missstände thematisieren und im Idealfall verändern. Deshalb versteht es sich als gesellschaftskritisch – und optimiert gleichzeitig das Bestehende. Was also ist die politische Dimension von Social Design – ist es Motor zur Veränderung oder trägt es zur Stabilisierung und Normalisierung bestehender Ungerechtigkeiten bei?