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Die Tresen-Kolumne: Tomatenstrudel

Tomatenstrudel

Im Traum wurde ich von einem wütenden Mob auf ein Motorrad gesetzt, hinten drauf, vorne fuhr ein mir unbekannter Mann. Mir wurden Radkappen über die Hände gestülpt, ich konnte mich nicht festhalten. Wir fuhren immer im Kreis mit vielleicht 7 Km/H, bisschen schneller als zu Fuß. Die wütende Menge jubelte, links eine gelbe Telefonzelle, rechts eine schräg abfallende Brandmauer, Kopfsteinpflaster, nicht ungefährlich zum Kurvenfahren, die unrenovierte BRD. Nach zehn Runden war der Spuk vorbei, mir war nichts passiert, noch war mir klar ob das nur ein Vorgeschmack oder die Höchststrafe war. Mir war auch nicht klar, wessen ich beschuldigt wurde. Ich träume bei Freund_innen in Berlin auf dem Notbett im Wickelzimmer, Wärmelampe über mir, lachende Tiere an der Wand, der Geruch von Creme und frisch gewaschenem Frottee, hinter dem Doppelflügel-Fenster: die kalte Stadt. Nach meinem Abschluss wollte ich da auch hin. Meine damalige Ex-Chefin B. meinte dazu bei einem Espresso in der Kantine des Schauspielhauses relativ trocken: „Das ist nichts für dich. Du flüchtest doch nur. Was willst du da?“ Ich war verunsichert und blieb noch ein bisschen, bis ich wirklich vergessen hatte, was ich eigentlich da wollte. Damals in der Schauspielhauskantine war ich vor allem perplex über die paternalistische Reaktion von B. „Nein, das was du als Bedürfnis artikulierst, ist gar nicht dein Bedürfnis“, schon arg. Inzwischen bin ich froh, die Aufbruchstimmung Richtung Osten hat sich für mich fürs erste entzaubert und wenn ich dort bin, ist es vor allem ein Gefühl von Bahnsteig-einsamer Graupelkälte, Tomatenstrudel mit zu viel Teig, altes Twix aus dem Warenautomaten, klebrige Hände oder eine Nacht im Sessel der Bahn.Comfort Lounge, das sich bis in meine Träume frisst. Es gibt inzwischen eine richtige Kolonie von befreundeten Hamburger Künstler_innen, drei, vier Jahrgänge über mir. Gerade jetzt in diesem Moment stellen alle wieder zusammen aus. Like its 2011 in der Hamburger Willy-Brandt-Straße. Das Kind ist wach, sechs Uhr, ich wohne im Wickelzimmer, der Tag bricht an. Hoffentlich erwischt mich heute nicht die Motorradgang.

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