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Die Tresen-Kolumne: Fieldrecordings

In der Bar neulich O. kurz die Hand geschüttelt. Ich hatte meine Jacke geholt und war auf dem Sprung zu gehen. Es war nicht spät, elf vielleicht. „Wir sehen uns auch nur noch, wenn du gerade gehst“, meinte O., während er seine große Hand nach erfolgtem Schüttelvorgang wieder in Richtung des eigenen Oberkörpers zog. Ich fühlte mich ertappt. Seitdem ich nicht mehr selbst am Tresen stehe, hat der Abend irgendwie eine andere Funktion bekommen. Irgendwo in der Behauptung von O. hörte ich einen Vorwurf und den versteckten Apell, wieder öfter und vor allem länger genau hier am Tresen zu sitzen. Ich kam ein bisschen ins Stottern, denn O. und ich hatten überhaupt keine gemeinsame Geschichte, die solch einen Vorwurf hätte rechtfertigen können. „ Ich hab morgen ein Seminar und ich muss das noch vorbereiten“, stotterte ich. Alle lachten, das klang bescheuert, stimmte auch nicht. Ich hatte zwar ein Seminar am nächsten Tag, musste aber nichts mehr vorbereiten sondern hatte einfach nur große Lust nach Hause zu gehen. „Ich muss noch was machen“, hätte ich sagen sollen. Dann denken die anderen sowas wie „einen Film zu Ende schneiden“ oder „Fieldrecordings von der S-Bahn-Strecke aufnehmen“ oder „Songtexte korrigieren“. Ich hab die Welt der kreativen Prozesse irgendwie verloren, keine Einfälle in der Nacht, keine manischen Phasen mehr. Liegt etwas auf dem manifesten oder dem ideellen Schreibtisch, dann wird es irgendwann bearbeitet werden. Die Zeiten dafür sind Montag bis Samstag von 8 bis 18:30 Uhr. Das muss reichen. Am Abend will ich dann dafür einfach kulturfrei haben. Deshalb schleich ich mich aus der Bar, bevor die großen Fragen gestellt werden. Und so zog ich meine Jacke an, berührte O. freundschaftlich am Arm und sagte noch viel bescheuerter: „Vielleicht in den Semesterferien!“.

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